Feb05

„Wir brauchen den Schwanen“

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Nach der Veranstaltung "Flüchtlingsunterbringung" am Mittwoch, 03.02.16,stand in der RHEINPFALZ folgender Artikel:

Nicht 40 männliche Flüchtlinge, sondern nur 20 Personen – darunter höchstens zwölf alleinstehende Männer – sollen im ehemaligen Hotel „Zum Schwanen“ in Dammheim Unterschlupf finden. Und Studenten. Das wurde bei einer sehr emotionalen Versammlung am Mittwoch bekanntgegeben.

Die Turnhalle des 1000 Seelen zählenden Stadtteils fasste die Besucher nicht. Fast 250 Bürger waren am Mittwochabend gekommen, um aus erster Hand zu hören, welche Pläne die Stadt für eine Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Hotel „Zum Schwanen“ in der Speyerer Straße verfolgt. Wie am 21. Januar berichtet, hat der Ortsbeirat das Vorhaben, dort 40 alleinstehende Männer einzuquartieren, vehement abgelehnt. Die Dammheimer fürchteten um die Struktur und den sozialen Frieden im Ort. Acht Familien – 35 Flüchtlinge, darunter zwölf Kinder – leben bereits in Dammheim, verteilt auf vier Adressen. „Die Bürger sind über alle Maßen für die Flüchtlinge engagiert“, betonte Ortsvorsteher Florian Maier (SPD).
Er und seine Mitstreiter fanden bei Oberbürgermeister Thomas Hirsch (CDU) und Bürgermeister Maximilian Ingenthron (SPD) ein offenes Ohr. Hirsch präsentierte am Mittwoch einen Kompromiss: „Bis zu 20 Personen insgesamt, maximal zwölf männliche Einzelpersonen.“ In 16 Doppelzimmern, einem Einzelzimmer und einer Wohnung ist Platz für 40 Leute. Weil die Stadt das ganze Haus anmieten müsste, sollten die restlichen Zimmer Studenten angeboten werden. Der Saal reagierte mit Gelächter und Zwischenrufen. Alle Kommunen hätten derzeit mit den Herausforderungen der Flüchtlingswelle zu kämpfen, hatte Hirsch zuvor gesagt. „Die Situation verlangt uns allen viel ab.“
Themen der zunächst überwiegend kritischen Wortmeldungen waren unter anderem die gerechtere Verteilung der Flüchtlinge auf alle Ortsteile (in Godramstein leben vier, in Arzheim zwei, in Queichheim über 100 Flüchtlinge), Konfliktgefahr bei unterschiedlichen Nationalitäten, die Klassenstärken in der Grundschule und die Sorge, dass am Ende doch 40 Flüchtlinge im „Schwanen“ leben. Im zweiten Teil des Abends gab es auch konstruktive und Mut machende Beiträge.
Mehrmals in der anderthalbstündigen Versammlung erklärte der Oberbürgermeister, dass es sich die Stadt nicht erlauben könne, Wohnangebote zu angemessenen Preisen abzulehnen. „Wir brauchen den Schwanen.“ Der Mietvertrag sei noch nicht unterschrieben. Mitte März sollten die ersten Bewohner einziehen. Hirsch zeigte Verständnis für die Sorgen der Dammheimer, „nach Köln und den Geschichten, die in Umlauf sind“.
Der Ankündigung, einen Hausmeisterservice zu organisieren, hielt eine Besucherin entgegen, wichtiger sei ein Sozialarbeiter rund um die Uhr. Thomas Sommerrock, Leiter der Polizeidirektion Landau, versprach, Polizeioberkommissar Frank Bruder werde zweimal die Woche vor Ort sein. Eine Streife fahre Tag und Nacht alle Unterkünfte ab. Die Leute sollten sich an die Fakten halten und nicht den Schauergeschichten glauben, die unbegründete Ängste schürten.
„Ängste lassen sich abbauen, wenn man die Menschen kennenlernt“, sagte Magdalena Schwarzmüller vom Café Asyl in Landau. Probleme ließen sich gemeinsam lösen. Sie bat darum, auch die andere Seite zu sehen. Es sei manchmal schwer auszuhalten, wenn die Flüchtlinge von sich erzählten. Durch Ängste komme etwas in Bewegung, meinte ein Dammheimer: „Wir können ausgrenzen oder wir können integrieren.“ Er forderte dazu auf, sich ehrenamtlich zu engagieren und meldete sich gleich als Freiwilliger. (sas)

Kommentar
Aufbruch
Von Sabine Schilling 

Nach der massiven Kritik an der Flüchtlingsunterkunft hat die Stadt schnell reagiert. Der Kompromiss ist eine gute Basis.
Die Dammheimer müssen sich nicht fürchten. Die Unterbringung weiterer 20 Flüchtlinge in ihrem Ort dürfte zu stemmen sein. Die Stadtspitze zeigte Verständnis für die Sorgen im zweitkleinsten der acht Ortsteile. Sie hat sehr schnell umgeschaltet, auch, weil sie keine andere Wahl hatte. Köln ist in allen Köpfen. Nach den Übergriffen dort in der Silvesternacht wäre eine Unterkunft mit 40 Männern in Dammheim nicht zu vermitteln. Ortsvorsteher Florian Maier baut nun auf die Zusage von Oberbürgermeister Thomas Hirsch. Dieser Kompromiss lässt zwar nicht alle Kritiker im Ort verstummen, aber er ist eine gute Basis, die Aufgabe gemeinsam anzupacken.
Hirsch hat seine Sache am Mittwoch gut gemacht. Er weiß, dass er die Bürger mitnehmen muss, auch wenn er nicht allen die Angst nehmen kann. Er hatte Streiter für die gute Sache zur Seite: Polizeichef Sommerrock und vor allem die unermüdliche Magdalena Schwarzmüller vom Café Asyl, die in wenigen Worten deutlich machte, worum es geht. Darum nämlich, verzweifelte Menschen freundlich aufzunehmen, die alles aufgegeben haben, um zu überleben. Sie an die Hand zu nehmen und bei den ersten Schritten im neuen Leben zu begleiten, wie es eine Besucherin formulierte, das können viele leisten, wenn sie nur wollen. „Wir können das schaffen“ ist die Botschaft dieses Abends.

Quelle

Ausgabe

Die Rheinpfalz - Pfälzer Tageblatt - Nr. 30

Datum

Freitag, den 5. Februar 2016

Seite

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